Material: Gemeinde braucht alle!

Predigt in der FeG Bad Wildungen am 19.10.2008

Bibeltext: 1. Korinther 12,12-27

Liebe Gemeinde!

Ein Wasserträger in Indien hat zwei große Eimer. Diese hängen links und rechts an einer Tragestange. Jeden Tag legt er diese Stange quer über seinen Nacken; er geht zum Fluss und holt Wasser.

Einer der Eimer hat aber einen Sprung, während der andere ganz ist. Jedes Mal, wenn der Wasserträger nun zu seinem Haus kommt, ist der beschädigte Eimer halb leer geworden.

Natürlich ist der heile Eimer stolz, dass er seine Aufgabe vollkommen erfüllt. Das Gefäß mit dem Sprung ist aber niedergeschlagen, weil es so unbrauchbar ist.

Deshalb sagt es eines Tages am Fluss zu dem Wasserträger:

„Ich schäme mich und entschuldige mich bei dir. Ich habe doch einen so hässlichen Sprung. Und dadurch läuft unterwegs immer die Hälfte des Wassers heraus. So werde ich dir auch heute nur die halbe Leistung abliefern.“

Dem Wasserträger tut dieser Eimer leid, weil er sich so wertlos vorkommt. Doch er antwortet nur: „Wenn wir jetzt miteinander wieder zurückgehen, dann bitte ich dich: Schaue, was du am Rande unseres Weges siehst.“

Tatsächlich bemerkt der beschädigte Eimer auf dem Nachhauseweg, dass entlang der Straße wunderbare Blumen blühen.

Als sie zuhause angekommen sind, sagt der Wasserträger zu dem Gefäß, das sich so sehr seines Sprunges schämt:

„Hast du bemerkt, dass die Blumen nur auf deiner Seite des Weges gewachsen sind, nicht aber auf der Seite des unverletzten Topfes?

Das kommt daher, dass ich schon immer von deinem Sprung gewusst habe. Und ich habe diesen scheinbaren Fehler ausgenutzt.

Ich säte bewusst auf deiner Seite des Weges Samen aus. Und jedes Mal, wenn wir vom Fluss zurückgekommen sind, hast du diese Blumen gegossen. So konnten sie mit deiner Hilfe aufblühen.

Wenn du nicht genau so wärest, wie du bist, würde es diese Blumenpracht am Wegrand nicht geben. Der eine Eimer, der keinen Sprung hat, sorgt dafür, dass ich genügend Wasser zuhause habe.

Und du - mit deinem Sprung - bist mir willkommen, weil du die Blumen gießt, die mir meinen täglichen Weg verschönern. Wie könnte ich auf einen von euch beiden verzichten?“

Diese Geschichte, liebe Gemeinde, veranschaulicht in schöner Weise, was der Apostel Paulus in 1. Kor 12 über die Gemeinde sagt:

Sie ist eine Gemeinschaft von Menschen mit ganz unterschiedlichen Begabungen, aber auch Grenzen. Und jeder ist wichtig und unverzichtbar.

Da unterscheidet sich eine FeG etwas von einem Verein.

  • Wer in einem Fußballverein ist, der muss Fußball spielen können, oder er ist an der falschen Stelle.

  • Wer im Orchester spielt, sollte wissen, dass das hohe C nicht nur ein Orangensaft ist.

  • Und wer in einem Chor singt, sollte mit seiner Stimme in die Nähe des Tones gelangen, der gerade dran ist, sonst macht er seinen Mit-Sängern und -Sängerinnen nicht arg viel Freude - und den Zuhörern auch nicht.

In einem Verein verbindet eine bestimmte Fähigkeit oder ein gemeinsames Interesse die Menschen miteinander.

In der Gemeinde Jesu ist das etwas anders. Da verbindet uns nach Paulus der Geist Gottes miteinander, der uns zu seinen Kindern gemacht hat.

Aber dann hört es auch schon ziemlich auf mit den Gemeinsamkeiten. Wenn wir die einzelnen Gliedmaßen betrachten, begegnen uns völlig unterschiedliche Charaktere.

Mit völlig unterschiedlichen Begabungen.

Da gibt es Fortschrittliche, die immer auf der Höhe der Zeit sind und jede Neuerung mitmachen
und daneben Konservative, die an Vertrautem und Bewährtem festhalten und sich nur unter Todesandrohung und Lebensgefahr Neuem öffnen.

Es gibt Praktiker, die Probleme anpacken noch bevor sie entstanden sind und Theoretiker, die sie erst dann lösen, wenn sie schon gar nicht mehr bestehen.

Es gibt sensible Menschen, die schon spüren wie die Stimmung in einem Raum ist bevor sie ihn betreten. Und daneben gibt es kalte Holzklötze, die scheinbar überhaupt kein Einfühlungsvermögen haben.

Erstere sind oft gute Seelsorger, die sich gut in andere hineinversetzen können. Die Letzteren sind Menschen, die Dinge und festgefahrene Strukturen verändern können, weil sie ihr Ding durchziehen und sagen, was Sache ist, ohne Rücksicht auf Verluste.

Das Tolle ist: Wir brauchen sie alle in der Gemeinde.

Wir brauchen alle diese unterschiedlichen Charaktere mit ihren unterschiedlichen Begabungen, die sich manchmal scheinbar unversöhnlich gegenüber stehen und sich in Wahrheit doch wunderbar ergänzen.

Keiner kann alles und keiner muss alles können.

Nein, keiner kann all diesen Ansprüchen genügen und wehe dem, der es versucht. Er kann nur scheitern.

Außerdem ist es für die Gemeinde auch ein Gnade, wenn er es erst gar nicht versucht. Es ist besser, wenn er das tut, was er wirklich kann.

Und einer, der nicht singen kann, sagt den Chor besser nur an. Oder wenn einer die Schriftlesung im Gottesdienst macht, sollte er möglichst nicht der einzige sein, der glaubt, dass er gut lesen kann. Das Tolle ist ja, dass er dafür etwas anderes besonders gut kann. Und das soll er machen, denn genau da wird er gebraucht.

Unser Problem ist, dass wir oft viel zu stark auf unsere Defizite fixiert sind und denken: Das muss ich noch besser können und jenes sollte ich auch noch lernen.

Aber das ist eine zutiefst ungeistliche Sichtweise. Sie entspricht überhaupt nicht dem Bild, das Paulus von einer Gemeinde hat.

Nein, was ich nicht gut kann, davon soll ich die Finger lassen. Das sollen andere tun, die es besser hinbekommen.

Und wenn ich es trotzdem tun muss, weil es vielleicht keinen anderen gibt der es kann oder will, dann soll ich es mit gutem Gewissen schlecht machen und daneben mit Freude und Elan die Dinge gut machen, die ich kann.

Da kommt allemal mehr dabei heraus, als wenn ich meine ganze Energie in Dinge stecke, die ich eh nie gut hinbringe und dann keine Zeit und Kraft mehr für das habe, was mir wirklich liegt und wo mein Herz schlägt.

Es ist besser Stärken zu fördern als versuchen,
Defizite zu beheben. Sogar in der FeG!

Paulus hat das begriffen, wenn er das deprimierte Ohr beschreibt, das nicht so gut sieht wie das Auge, oder den verzweifelten Fuß, der nicht so zupackend ist wie die Hand.

Darüber auch nur eine Träne zu vergießen lohnt sich nicht, sagt Paulus. Keiner verlangt von dir etwas, was du nicht kannst - jedenfalls nicht Gott. Allenfalls Gemeindeglieder, denen die Gabe der Unterscheidung fehlt.

Übrigens, wenn wir in die Kirchengeschichte schauen, dann waren fast alle bedeutenden Männer und Frauen von einer gewissen Einseitigkeit geprägt, Menschen mit Macken, Ecken und Kanten.

Nehmen wir doch nur den Apostel Paulus selbst: Ein schwieriger Charakter, mit dem keiner wirklich gut auskommen, geschweige denn zusammenarbeiten konnte.

Er hatte keine sehr einfühlsame Art, sondern sagte seinen Gegnern knallhart, was Sache ist. Den Knigge hatte er jedenfalls nicht auf dem Nachttisch liegen.

Aber keiner hat die Dinge so sehr auf den Punkt gebracht und das Evangelium so zum Leuchten gebracht wie er. Wie arm wären wir, wenn dieser Kämpfer vor dem Herrn nicht gewesen wäre.

Oder nehmen wir ein Gegenbeispiel:
Paul Gerhardt - ein Zauderer und Zagerer vor dem Herrn.

Aber er hat in seiner einfühlsamen und sensiblen Art Gedichte und Lieder geschrieben, die bis heute andere abholen in ihrer Verzagtheit und ihnen neue Hoffnung und neuen Mut machen.

Und so gab es und gibt es die verschiedensten Charaktere in der Geschichte der Kirche:

Schrullige Originale, die das Herz am rechten Fleck hatten. Hochintelligente Theologen, die den Unterschied zwischen einer Schraube und einem Nagel nur vom Hörensagen kennen.

Und vor Güte glühende Diakone, denen es egal war, ob ihre theologische Begründung für den Dienst am Nächsten examenstauglich ist oder nicht.

Und das Wunderbare ist:
Das alles ist für die Gemeinde Jesu kein Problem, solange, ja solange sie sich besinnt auf den einen Heiligen Geist, dem sie sich verdankt.

Wenn sie sich von diesem Geist leiten lässt, erfährt sie sich in ihrer Vielfalt als reich beschenktes Wunder Gottes.

Dort allerdings, wo wir die anderen, auch die Andersdenkenden, nicht mehr als ein Geschenk dieses Geistes verstehen, wo wir beginnen, uns in unserer Geistlosigkeit für geistreicher zu halten als die anderen, da bekommen wir Zustände wie in Korinth, wo ein Wettstreit darüber begann, wer der Wichtigste ist und welche Gaben die geistlichsten sind.

Aber mit diesem Streit amputieren wir uns selbst und machen aus dem Leib Christi einen Torso.

So verschieden wir sind, als Glieder am Leib Christi gehören wir zusammen wie die beiden Eimer in unserer Geschichte:

Mag der eine auch ständig voll sein und der andere nicht ganz dicht (ich rede von den Eimern), so gehören sie doch zusammen und ergänzen sich, manchmal in einer ganz ungeahnten Weise.

Und weil der Heilige Geist mit Sicherheit die Gabe der Weisheit hat, wird er schon wissen, warum er auch den einen oder anderen schrägen Vogel zum Glauben berufen und der Gemeinde als dem Leib Christi hinzu gefügt hat.

Manchmal schickt er sogar einen Jesus Freak aus dem EC als Jugendreferenten in eine FeG. Unglaublich, was am Leib Christi alles möglich ist.

Amen.