Material: Wie du vergeben (lernen) kannst
Predigt in der FeG Gudensberg am 01.02.2009
Guten Morgen liebe Gemeinde!
Das Thema meiner Predigt heute ist recht unbequem. Aber gerade weil es für unseren Glauben so unbequem ist, ist es so wichtig.
Es lautet: „Wie du vergeben (lernen) kannst“
Und ich lade euch jetzt dazu ein, mit mir über dieses Thema nachzudenken.
Der Bibeltext für heute steht in Matthäus 18, die Verse 21 bis 34.
21 Dann kam Petrus zu ihm und fragte: »Herr, wie oft soll ich jemandem vergeben, der mir Unrecht tut? Sieben Mal?« 22 »Nein!«, antwortete Jesus, »siebzig mal sieben Mal!
23 Deshalb kann man das Reich Gottes mit einem König vergleichen, der beschlossen hatte, mit seinen Bediensteten, die von ihm Geld geliehen hatten, abzurechnen. 24 Unter ihnen war auch einer, der ihm sehr viel Geld schuldete. 25 Da er nicht bezahlen konnte, befahl der König das Folgende: Er, seine Frau, seine Kinder, und alles, was er besaß, sollte verkauft werden, um damit seine Schuld zu begleichen. 26 Doch der Mann fiel vor ihm nieder und bat ihn: “Herr, hab doch Geduld mit mir, ich werde auch alles bezahlen.“ 27 Da hatte der König Mitleid mit ihm, ließ ihn frei und erließ ihm seine Schulden.
28 Doch sobald der Mann frei war, ging er zu einem anderen Diener, der ihm eine kleine Summe schuldete, packte ihn am Kragen und verlangte, dass er auf der Stelle alles bezahlen sollte. 29 Der Diener fiel vor ihm nieder und bat ihn um einen kurzen Aufschub: “Hab doch Geduld mit mir, ich werde auch alles bezahlen.“ 30 Doch der Mann war nicht bereit zu warten. Er ließ ihn verhaften und einsperren, so lange, bis dieser seine ganze Schuld bezahlt hätte.
31 Als die anderen Diener das sahen, waren sie empört. Sie gingen zum König und erzählten ihm, was vorgefallen war. 32 Da ließ der König den Mann rufen, dem er zuvor seine Schulden erlassen hatte, und sagte zu ihm: “Du herzloser Diener! Ich habe dir deine großen Schulden erlassen, weil du mich darum gebeten hast. 33 Müsstest du da nicht auch mit diesem Diener Mitleid haben, so wie ich Mitleid mit dir hatte?“
34 Der König war so zornig, dass er den Mann ins Gefängnis werfen ließ, bis er seine Schulden bis auf den letzten Pfennig bezahlt hatte. 35 Genauso wird mein Vater im Himmel mit euch verfahren, wenn ihr euch weigert, euren Brüdern und Schwestern zu vergeben.«
Eigentlich eine ganz einfache Frage, die Petrus da an Jesus stellt. Da war er nun schon einige Zeit mit Jesus unterwegs und hatte eins verstanden: Es geht irgendwie um das Reich Gottes und um Liebe.
"Wie oft muss ich jemandem vergeben, der an mir schuldig wird? Siebmal reichen doch, oder?"
Das ist doch schon ziemlich großzügig und geduldig. Wenn jemand mich siebenmal enttäuscht, verletzt oder mich fertig gemacht hat und ich ihm jedes Mal vergeben habe, dann ist ja auch mal Schluss.
Irgendwann ist von jedem die Geduld zu Ende. So oder so ähnlich hat Petrus vielleicht gedacht.
Aber die Antwort von Jesus übertrifft seine kühnsten Erwartungen.
"Nein, das reicht nicht. Siebzigmal siebenmal vergeben. Das ist es."
Beim Lesen könnte man als gebildeter West-Europäer des 21. Jahrhunderts jetzt denken: Also 490 mal vergeben. Aha!
Aber das meint Jesus damit nicht. Ich habe mal nachgeforscht:
In der damaligen jüdischen Tradition war eine Regel der Rabbiner, dass man drei Mal vergeben solle, wenn einem Unrecht geschieht.
Mit seiner Vorstellung von "Siebenmal vergeben" geht Petrus schon um das doppelte über das hinaus, was also damals unter Juden üblich war. Die Begegnung mit Jesus hat sein Denken schon ein bißchen geprägt.
Aber Jesus selbst sprengt die Vorstellungskraft von Petrus. Und auch unsere.
Ich beobachte heute viel Christen, die versuchen, den Glauben bzw. das Reich Gottes wie Petrus in dieser Situation in ein System zu pressen:
3-mal vergeben, 7-mal vergeben, 490-mal vergeben.
Doch das hat nichts mit dem zu tun, was Jesus über das Vergeben lehrte und auch lebte.
Und um deutlich zu machen, was er meint, erzählt Jesus nun eine Parabel, ein Gleichnis.
Ich fasse das eben gehörte Gleichnis noch einmal für uns zusammen:
Ein Mann hat gigantisch hohe Schulden bei seinem König. Sie sind unbezahlbar. Die Schulden sind höher als alles, was der Mann jemals in seinem Leben leisten kann.
Deswegen müsste er eigentlich sein Leben weg geben und alles was zu diesem Leben gehört: Frau, Kinder, Besitz, sich selbst.
Aber der Mann bittet den König. Er bittet ihn um ein klein wenig mehr Zeit. Eigentlich lächerlich, diese Bitte.
Aber sie zeigt etwas: Sie zeigt den Willen dieses Mannes, die Schulden zu bezahlen. Er würde ja so gerne dem König alles geben, wenn er nur dazu fähig wäre.
Der König weiß aber, dass er dazu niemals fähig wäre. Und da überkommt in das Mitleid. Ein großes Mitgefühl für den Mann, der sein komplettes Leben aufgeben müsste.
Ein altes Wort für dieses Mitgefühl ist Erbarmen. Der König erbarmt sich über den Mann. Er lässt ihm nicht nur mehr Zeit (was an sich ja auch nichts bringen würde), sondern er erlässt ihm die gesamten Schulden.
Man könnte auch sagen, er "vergibt" sie ihm.
Er gibt dem Mann das Leben.
Und was macht dieser, kaum dass er den Saal des Königs verlassen hat, frei von jeder Schuld?
Er trifft einen anderen Mann, der ihm eine kleine Menge Geld schuldet. Und er behandelt diesen Mann völlig entgegen gesetzt von dem, was er gerade selbst erfahren hat.
Er erlässt diesem Mann seine Schulden nicht. Er würgt ihn und lässt ihn ins Gefängnis werfen.
Und als das vor dem König kommt, ist dieser natürlich zur Recht stinksauer.
"Du böser Mensch! Ich habe dir deine gesamten Schulden erlassen! Hättest du die Vergebung, die du von mir erfahren hast, nicht weiter geben sollen? Wo war dein Mitgefühl? Wieso warst du nicht genauso barmherzig wie ich zu dir?"
Und dann lässt er den Mann selbst foltern,
bis dieser seine Schuld bezahlt hat.
Aber jetzt kommt der Höhepunkt. Jesus sagt den zentralen Satz:
"So wird euch mein Vater im Himmel auch behandeln, wenn ihr euren Mitmenschen nicht von Herzen vergebt."
Damit sprengt Jesus die gesamte Distanz zwischen seinen Zuhörern, also den Jüngern, Petrus, uns und der Geschichte.
Da ist kein distanziertes: "Aha, der böse Mann in der Geschichte" mehr möglich. Petrus selbst ist gemeint. Jesu Jünger sind gemeint. Wir ... sind gemeint.
Aber wie ist das mit der Folter zu verstehen?
Vielleicht fragst du dich das jetzt.
Foltert Gott jeden, der nicht vergeben will?
Ich glaube, das ist ein Bild. Und dieses Bild muss ausgelegt werden. Nicht Gott selbst foltert.
Sondern wir foltern uns selbst.
Der Mann in der Geschichte hält an seiner Hartherzigkeit fest. Er WILL sich nicht erbarmen steht in Vers 30.
Dadurch begibt er sich selbst in die Folter.
Die Folterknechte sind also in uns selbst. Wir können uns selbst nichts schlimmeres antun, als anderen die selbst erfahrene Vergebung zu verwehren.
Vielleicht fühlen wir für eine kurze Zeit Genugtuung. Aber wir leiden den Rest unseres Lebens daran, wenn wir jemandem, der an uns schuldig geworden ist, nicht vergeben. Ich behaupte, dass Jesus das so meint.
Und nun bekommt die Aufforderung von Jesus "Siebenmal siebzigmal" und die Geschichte einen ganz anderen Beigeschmack.
Jesus sagt zu jedem von uns persönlich: Ich möchte, dass du deinen Mitmenschen jede Schuld vergibst. Jede. Und immer.
Warum? Weil Gott selbst dir alles vergeben hat und alles vergibt, was du in deinem Leben an Mist baust und jemals bauen wirst.
Gott erbarmt sich über jeden einzelnen von uns, wenn wir ihn darum bitten. Wie der König in der Geschichte.
Denn Gott liebt jeden einzelnen von uns.
Gott liebt dich.
Aber das ist doch ein riesiger Anspruch, Jesus. Dem kann ich nicht genügen. Ich schaffe das nicht. Ich kann nicht jedem vergeben.
- Der Schulkamerad oder Kollege, der mich seit Jahren mobbt und fertig macht.
- Der gute Freund, der mich belogen und enttäuscht hat.
- Die Nachbarin, die immer böse Gerüchte über mich und meine Familie verbreitet.
Diesen Menschen kann ich nicht vergeben. Jedenfalls nicht aus mir selbst heraus.
Aber ich glaube, wir hören auf dem falschen Ohr, wenn wir in diese Richtung weiter denken.
Jesus sagt hier nicht: "Du musst um jeden Preis vergeben, egal wer du bist und was dir passiert ist."
Es geht nicht um "Du musst unter allen Umständen", sondern "Du bist befähigt zu vergeben, weil dir selbst vergeben wurde und wird."
Versteht mich richtig:
Solange die Liebe und Vergebung Gottes nicht in mein Herz durchgedrungen ist,
solange ich nur vom Verstand her begriffen habe, dass ich geliebt werde und dass mir vergeben wird, solange kann ich auch nicht vergeben.
Ich kann nichts weiter geben, was ich nicht selbst bekommen und angenommen habe. Das verlangt auch niemand von mir. Ok, vielleicht manche gesetzlichen Menschen. Aber Gott jedenfalls nicht.
Es fällt mir doch deshalb so schwer, anderen zu vergeben, weil ich selbst die Vergebung Gottes noch nicht vollständig in meinem Herzen trage.
Ja, vergeben ist eine Handlung aus dem Herzen. Genauso wie das meiste andere, was mit unserem Glauben zu tun hat.
Jesus sagt es hier selber: "Wenn ihr nicht... VON HERZEN ...vergebt."
Aber wie kann ich denn praktisch vergeben? Wie kommt die Vergebung als Liebesakt in mein Herz hinein?
- Beispiele aus meinem Leben -
Ihr seht also: Auch ich bin noch nicht am Ende mit dem Vergeben.
Das geht wahrscheinlich bei den wenigsten Menschen auf einen Schlag. Vergeben zu lernen, ist ein Prozess.
Jeden Tag ein bißchen weniger stolz sein.
Jeden Tag ein bißchen weniger richten.
Jeden Tag ein bißchen mehr vertrauen.
Und jeden Tag ein bißchen mehr aus der Vergebung leben und vergeben. Meinen Mitmenschen, meinen Feinden und mir selbst.
Dass Gott uns vergibt, das ist ein Geschenk. Aber dass wir diese Geschenk annehmen und es an jeden weitergeben, das ist ein Akt des Willens, eine Entscheidung.
Und mein Wille wird bestimmt von dem, was in meinem Herzen ist.
Ist dein Herz erfüllt mit Gottes Liebe, Vergebung und Gnade?
Und wenn nein, was hält dich davon ab sie dir täglich von ihm neu zu holen und zusprechen zu lassen?
Vergeben kann man einüben. Das geht auf verschiedene Weise. Einige Tipps habe ich euch hier mal mitgebracht.
Vielleicht können wir die hinterher noch vervielfältigen. Dann kann gleich jeder von euch sich so einen Zettel mitnehmen.
Ich ermutige dich, das Vergeben einzuüben.
Nicht weil du es musst.
Sondern weil Gott dir in Liebe vergibt und dich mit seinem Heiligen Geist dazu befähigen will.
Das Reich Gottes fängt dort an, wo wir einander von Herzen vergeben.
Ich möchte jetzt mit dem Thema Vergebung ganz praktisch werden. Ich brauche die Vergebung Gottes jeden Tag neu. Auch heute.
Und vielleicht hast du auch erkannt, an welchen Stellen in deinem Leben noch Vergebung nötig ist oder wo du noch vergeben lernen willst.
Ich lade euch ein, mit mir zusammen ein Gebet zu sprechen und dabei als Zeichen der Demut vor Gott in die Knie zu gehen.
Wem das nicht möglich ist oder wer es nicht will, der muss es nicht tun. Für mich persönlich ist es eine Möglichkeit meine Haltung vor Gott auszudrücken.
Wer will und kann, darf jetzt aufstehen vor Gott in die Knie gehen.
Schau nicht auf den anderen oder die andere neben dir.
Lasst uns gemeinsam auf Jesus schauen, der die vollkommen Vergebung lebte.
Lasst uns gemeinsam beten.
Bitte sprecht mir laut nach:
Guter Vater im Himmel! Ich bin vor dir und bitte jetzt um deine Vergebung.
Ich bin in meinem Leben schuldig geworden an dir und an anderen Menschen.
Du weisst, was ich getan habe und auch, was ich noch tun werde.
Bitte vergib mir das.
Zeige mir täglich neu, dass du mich liebst.
Auch ich will denen vergeben, die an mir schuldig werden.
Bitte schenke mir deine Kraft und Liebe dafür.
Gott, hilf mir nicht hartherzig und gesetzlich zu werden.Schenke mir ein offenes Herz für die Menschen um mich herum und ihre Bedürfnisse.
Und lass mich ihnen die Liebe weiter geben, die du mir geschenkt hast.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft
und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.
Amen.