Material: Im Geist Gottes Leben
Predigt in der FeG Bad Wildungen am 29.03.2009
Neulich war ich mal in der Fußgängerzone einer größeren deutschen Stadt unterwegs. Plötzlich sehe ich vor mir einen kleinen Stand, an dem ein Mann Traktate verteilt.
Neugierig trete ich näher und sehe, dass es sich um christliche Werbungszettel handelt, die zu einer Gemeindeveranstaltung einladen.
Als ein Mann mir einen Zettel in die Hand drücken möchte, lehne ich dankend ab, weil ich zu dem Termin der Veranstaltung nicht kann. Doch so einfach lässt mich der Bruder nicht ziehen.
„Bist du Christ?“, fragt er. Etwas unüblich, dass mich jemand so direkt auf der Straße fragt. Ich antworte mit Ja. „Bist du auch wiedergeboren?“
Jetzt könnte ich in eine theologische Diskussion einsteigen. Christ und nicht wiedergeboren? Wie soll das gehen? Aber ich will weiter, also sage ich wieder: „Ja.“
Die nächste Frage kommt prompt: „Bist du auch geistgetauft?“
Ich hätte mich gern eine Weile mit dem Mann unterhalten, alleine schon um herauszufinden, wie viele Stufen des Christseins er noch parat hat.
Offenbar vertrat er eine Ansicht, die bis auf die Anfänge der Pfingstbewegung zurück geht, die man bei manchen Christen auch heute noch findet.
Laut dieser Ansicht folgt auf die Bekehrung noch eine „Geisttaufe“, eine einmalige und besondere Geisterfahrung, mit der das Christsein revolutioniert wird. Verbunden wird dies mit der Gabe der Zungenrede, also der Fähigkeit, in einer für Menschen unverständlichen Sprache zu beten.
Bekehrung und „Geisttaufe“ können nach dieser Ansicht zwar zusammenfallen, in der Regel tun sie dies aber nicht.
Solche Vorstellungen werden von vielen Christen nicht ohne Grund abgelehnt. Unter anderem auch von mir. Das riecht doch stark nach einer Art „Stufenchristentum“, wobei die „Geistgetauften“ irgendwie näher an Gott und vollmächtiger zu sein scheinen als die „normalen Christen“.
Allerdings möchte ich mich hier hüten, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Denn auch wenn die Rede von einer „Geisttaufe“ theologisch schwierig ist, steckt hinter ihr doch eine Erfahrung, die ich nicht einfach leugnen kann.
Seit den Anfängen der Pfingstbewegung haben unzählige Menschen folgendes erlebt: Sie hatten den Eindruck, dass ihr Christsein im Vergleich zu dem der ersten Gemeinden kraftlos und wenig vollmächtig war.
Und dann haben sie eine Erfahrung mit dem Heiligen Geist gemacht, die ihr bisheriges Leben geradezu auf den Kopf gestellt hat.
Seitdem gelang bei ihnen der missionarische Durchbruch, seitdem konnten sie Sünden lassen, die sie einen ein Leben lang belastet haben, seitdem erlebten sie ein Gefühl der Gegenwart und Nähe Gottes, das sie vorher nie gekannt hatten.
Der Unterschied zwischen „vorher“ und „nachher“ erscheint dabei manchen so groß, dass sich diese Erfahrung nur mit einer Bekehrung vergleichen lässt.
Und jetzt kommen wir zu einem entscheidenden Punkt:
Solche Erfahrungen kann man Menschen nicht absprechen.
Aber andererseits kann man aus Erfahrungen auch keine Glaubenslehre ableiten, denn es bleiben Einzelphänomene, selbst dann, wenn sie immer wieder auftreten.
Das tun sie allerdings schon in der Apostelgeschichte. Obwohl nach dem Neuen Testament jeder Christ seit seiner Bekehrung den Heiligen Geist hat, berichtet die Apostelgeschichte an vielen Stellen von besonderen Erfahrungen mit dem Heiligen Geist.
So wurden die Apostel, die Jesus ja schon nachfolgten, an Pfingsten mit dem Heiligen Geist erfüllt. Die ersten Christen in Samarien bekamen ihn erst eine Weile nach ihrer Bekehrung, als Petrus und Johannes ihnen die Hände auflegten.
Beim heidnischen Hauptmann Kornelius dagegen schnitt der Heilige Geist dem Apostel sozusagen das Wort ab, indem er noch während der Missionspredigt alle Anwesenden erfüllte.
Wenn von solchen Erfahrungen also schon im Neuen Testament berichtet wird, dann können wir sie heutigen Menschen kaum absprechen.
Allerdings waren diese Erfahrungen damals genauso wenig die Regel, wie sie es heute sind. In der Apostelgeschichte wird neben einigen spektakulären Bekehrungen auch von vielen ganz unspektakulären berichtet.
Und noch etwas sehen wir in der Apostelgeschichte:
Offensichtlich gibt es mehr als nur eine Erfahrung mit dem Heiligen Geist, womit der Begriff „Geisttaufe“ gar nicht mehr passt, weil die Taufe grundsätzlich ein einmaliges Ereignis ist.
Petrus wurde mindestens zweimal mit dem Heiligen Geist erfüllt und andere mit ihm. Es gibt also nicht nur eine „zweite“ Erfahrung, die Erfüllung mit dem Heiligen Geist, sondern auch eine „dritte“ und vielleicht sogar eine „vierte“ und „fünfte“.
Daher ist es besser, nicht von einer „Geisttaufe“ zu reden (also ob es einen Unterschied zwischen „geisterfüllten“ und „anderen Christen“ gäbe), sondern von einem Leben und Wachstum im Heiligen Geist. Dabei kann es einmal größere, ein andermal kleinere Erlebnisse und Wachstumsschritte geben.
Paulus schreibt:
„Sauft euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen folgt, sondern lasst euch vom Geist erfüllen. Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern und spielt dem Herrn in eurem Herzen und sagt Dank Gott, dem Vater […]“
Die Parallele „Wein trinken“ - „Geisterfüllung“ ist interessant. Mit seiner Warnung vor dem Trinken hat der Apostel wohl kaum jemanden vor Augen, der einmal im Leben einen über den Durst getrunken hat.
Vielmehr geht es um einen Lebensstil, in dem das Trinken zur Gewohnheit geworden ist und jemand einen entsprechend „chaotischen Lebensstil“ an den Tag legt.
Dagegen stellt Paulus die Erfüllung mit dem Heiligen Geist. Auch das kann also nicht als ein einmaliges Ereignis verstanden werden, sondern nur als gute Gewohnheit.
Christen sollen sich immer wieder für das Wirken des Geistes öffnen und sich von ihm erfüllen lassen. Wie das gehen könnte, beschreibt der Apostel vielleicht in den Zeilen danach.
Und „Psalmen und Lobgesänge und geistliche Lieder“ erinnern doch stark an die aus manchen Gottesdiensten bekannte Lobpreiszeit.
Doch kommen wir noch einmal zurück zur „Erfüllung mit dem Heiligen Geist“.
Wie auch immer man diese Erfahrung nennen mag, wobei „Geisttaufe“ kein guter Begriff dafür ist, es bleibt doch eine Erfahrung, die manche Christen machen und andere nicht.
Und erfahrungsgemäß löst so etwas Konflikte aus, weil Neid entsteht bzw. das Bedürfnis, anderen auch zu dieser Erfahrung zu verhelfen.
An dieser Stelle kommen wir nicht darum herum, anzuerkennen, dass Gott mit jedem Menschen einen eigenen Weg geht.
Wir können daher unseren Weg oder den eines anderen Menschen nicht zum Maßstab nehmen, sondern allein Gottes Wort.
Hören wir also auf, über Erfahrungen zu streiten und beschäftigen wir uns stattdessen intensiver mit dem, was bei unserem geistlichen Wachstum herauskommen soll.
Allerdings machen wir oft das Gegenteil:
Statt auf das Ergebnis zu schauen und uns zu fragen, ob eine Erfahrung einem Menschen in Bezug auf ihr geistliches Wachstum weitergeholfen hat, halten wir uns mit dem Prozess auf. Aber jeder Mensch ist anders, jede Gottesbeziehung ist anders.
Wenn Gott einem Menschen deutlich macht, dass er ihn liebt und etwas mit seinem Leben vorhat, dann freue ich mich darüber, egal ob diese Erkenntnis nun beim Bibellesen oder Beten gekommen ist, während einer Lobpreiszeit oder als die Person während einer Gebetszeit umfiel.
Wenn jemand eine geistliche Erkenntnis hat, lobe ich Gott dafür, ob er sie nun durch eine gute Predigt, ein seelsorgerliches Gespräch oder ein prophetisches Wort bekommen hat.
Warum sollten wir Menschen vorschreiben, auf welchen Wegen Gott zu ihnen sprechen darf?
Umso kritischer sollten wir allerdings das Ergebnis prüfen. Und mit kritisch meine ich nicht eine Haltung, die um jeden Preis etwas auszusetzen hat, sondern ein echtes unterscheidendes Prüfen. Und dieses Prüfen richtet sich oft auch gegen mich selbst.
Ich war schon in einigen charismatischen Gebetsveranstaltungen, die, um es mal vorsichtig auszudrücken, meinen persönlichen und angelernten Vorstellungen von einem geordneten Gottesdienst nur wenig entsprachen.
Aber wer sagt denn, dass meine Maßstäbe richtig sind?
Ganz oft habe ich nur Angst vor dem scheinbar Unkontrollierbaren. Doch ist das nicht auch ein Merkmal der biblischen Offenbarung, dass uns Gott die Kontrolle nehmen und dahin führen will, dass wir ihm bedingungslos vertrauen?
Und so war ich regelmäßig überrascht, was Menschen nach solchen Gebetsveranstaltungen erzählt haben.
Da habe ich beschämt weggeschaut, weil einer schreiend auf dem Boden lag, und später erfahre ich, dass diese Person erlebt hat, wie Gott ihm einen Scherz genommen hat, der ihn seit Jahren gefesselt und in seiner Nachfolge gehindert hat.
Ich sehe, wie das Leben von Menschen sich verändert, wie Lasten von ihnen genommen werden und sich eine unerklärliche Freude breitmacht.
Soll ich hingehen und sagen, so etwas darf nicht passieren, jedenfalls nicht auf diesem Weg? Oder soll ich nicht lieber demütig zurückstehen und Gott loben?
Gott kennt in seiner Gnade Wege, um Menschen zu helfen, die nicht in meinen engen Horizont passen.
Es kommt also nicht darauf an, auf welche Weise ich mit dem Geist erfüllt werde, sondern welche Wirkung der Geist in meinem Leben entfaltet.
Paulus umschreibt dies im Brief an die Galater mit dem Stichwort „Frucht des Geistes“. Es geht um ein Leben, das Jesus Christus immer ähnlicher wird.
„Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung.“
Im Gegensatz zum allgemeinen Sprachgebrauch ist hier übrigens nicht von „Früchten“ die Rede, sondern nur von der „Frucht“. Es gibt nämlich nur eine, die sich aber in Liebe, Freude, Friede usw. zeigt.
Die eigentliche Frucht ist ein Jesus-ähnlicher Charakter. Liebe, Freude und die anderen Eigenschaften sind nur Beschreibungen dieses Charakters.
Insofern macht es keinen Sinn, die Frucht in mehrere Früchte zu unterteilen, so als ob die einen eher freundlich werden und andere eher gütig. Alles gehört zusammen, weil Jesus alles in sich vereinigt hat. Und damit sind wir bei einem weiteren Aspekt des Bildes.
Paulus spricht von einer Frucht, also von etwas, das wachsen muss. Es ist interessant, dass auch Jesus in seinen Gleichnissen immer wieder von Wachstumsprozessen redet, von einer Saat, die erst aufgehen muss.
Und Wachstum braucht Zeit. Und das Wachstum selbst ist eine Sache, die wir nicht aus eigener Kraft hervorbringen.
Wir können für optimale Wachstumsbedingungen sorgen. Wie können gießen, düngen und die Frucht vor Schädlingen schützen. Das Wachstum aber schenkt Gott.
Beim Leben und Wachsen im Heiligen Geist kommt es also vor allem darauf an, dass wir dafür beten, dass wir offen sind für eine Erfüllung mit dem Heiligen Geist und dass wir uns vor den Schädlingen unserer eigenen Selbstsucht, Rechthaberei, Unfreundlichkeit, Lieblosigkeit und Untreue schützen.
Auch darüber schreibt Paulus im Galater-Brief einige Verse vorher:
„Offenkundig sind aber die Werke des Fleisches, als da sind: Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung, Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Hader, Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Spaltungen, Neid, Saufen, Fressen und dergleichen.“
Vor diesen Dingen können wir uns vor allem dadurch schützen, dass wir unser eigenes Leben und unser Handeln regelmäßig mit jemandem reflektieren. Vielleicht mit Gott direkt, vielleicht mit einem Seelsorger oder Mentor.
Gebet, Offenheit und Reflexion: Das sind optimale Wachstumsbedingungen für die Frucht des Geistes.
Ich möchte abschließend noch einmal das Gehörte kurz zusammenfassen:
Jeder Mensch macht unterschiedlichste Erfahrungen mit dem Heiligen Geist. Es ist Gottes Weg und Sache wie diese Erfahrungen aussehen.
Es kommt nicht auf den Prozess, sondern auf das Ergebnis an: Dass jemand durch Gott in seinem geistlichen Wachstum weiter kommt.
Die Frucht von allem geistlichen Wachsen ist ein Jesus-ähnlicher Charakter. Dieser drückt sich durch verschiedene Eigenschaften aus, die alle gleich wichtig sind.
Wir können optimale Wachstumsbedingungen für diese Frucht schaffen: Durch Gebet, Offenheit und Reflexion. Das Wachstum schenkt Gott.
Amen.