Material: Der Auftrag
Predigt in der FeG Edertal am 23.08.2009
Mission und Evangelisation sind nicht sehr beliebt.
Vielleicht habt ihr es in den letzten Wochen in den Zeitungen gelesen oder im Fernsehen mitbekommen.
Nachdem bekannt wurde, dass die beiden getöteten Frauen im Jemen entschiedene Christinnen waren und von einer evangelikalen Bibelschule in Brake kamen, ging das Wort „Mission“ wie ein Lauffeuer durch die Medien.
Dabei ist viel Unsinn über Mission und vor allem Dingen über „die Evangelikalen“ in Deutschland geschrieben worden, auf den ich hier heute nicht eingehen möchte.
Aber gerade dieses Ereignis hat die Wörter „Mission“ und „Evangelisation“ wieder in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt.
Viele Journalisten berichteten erschreckt oder überrascht darüber, dass es Christen gibt, die anderen ihren Glauben weitergeben wollen. So, als wäre das eine schlimme Neuigkeit.
„Oh nein, da sind Menschen, die sind von ihrem Glauben überzeugt und sie halten ihn für wahr und so wichtig, dass sie andere damit belästigen müssen.“
In den letzten Wochen und Monaten und auch durch die Medienberichte vor kurzem hat Gott mein Herz wieder neu für die „Mission“ entfacht.
Und deshalb lade ich euch auch heute ein, mit mir zusammen genau darüber nachzudenken:
- Was ist Mission?
- Welche Rolle spielt sie in unseren Gemeinden?
- Welche Bedeutung hat sie in meinem Leben?
Im Neuen Testament gibt es eine zentrale Stelle, in der Jesus selbst etwas dazu sagt. Wie haben sie eben in der Lesung schon gehört.
Sie ist in der Luther-Bibel mit „Der Missionsbefehl“ überschrieben und steht in Matthäus 28,16-20.
Ich persönlich halte diese Überschrift „Missionsbefehl“ für nicht sehr glücklich gewählt. Denn hier geht es nicht um einen Befehl. Jesus hat kein Kriegsheer um sich geschart.
Es geht um eine Einladung, sich ihm und seinem Auftrag ganz anzuvertrauen und die nötigen Konsequenzen daraus zu ziehen.
Gehorsam im Glauben und gegenüber Gottes Geboten ist immer eine „freiwillige“ Sache. Mein freier Wille entscheidet sich dafür.
Ein erzwungener Gehorsam, der auf Befehlen aufbaut ist kein echter Gehorsam.
Das heißt für diese Stelle:
Ich muss selbst erkennen, dass es das Richtige und das Beste ist, was Jesus hier sagt. Und das funktioniert nur, indem ich vertraue und Erfahrungen mache.
Wenn ich selbst nicht erfahren habe, dass die Botschaft von Jesus eine „gute Nachricht“ (Evangelium) ist, werde ich diese auch nicht mit Feuereifer verbreiten.
Ich persönlich würde deswegen diese Stelle eher mit „Der Auftrag“ überschreiben, das kommt der Sache näher.
Als ich mich mit diesem Bibeltext befasst habe, bin ich an drei Stellen hängen geblieben.
1. „Einige hatten Zweifel“
Stellt euch das bitte mal bildlich vor:
Die elf verbliebenen Jünger sind gerade dem vom Tod auferstandenen Jesus begegnet.
Und der auferstandene Jesus ruft seine Jünger zu einem letzten Treffen und sagt vielleicht so etwas wie:
„Freunde, bevor ich zum Vater gehe, will ich euch noch was wichtiges mitgeben. Einen Auftrag. Kommt nach Galiläa zu Berg.“
Und die Jünger gehen hin zu diesem Berg. Was mag sich auf dieser Wanderung nur abgespielt haben?
Konnten sie es fassen?
Haben sie sich gestritten, ob das jetzt eine Halluzination war?
Oder haben sie gesagt: „Oh, der auferstandene Jesus ruft uns. Na klar, da gehen wir hin.“
So locker-flockig ging das sicherlich nicht ab.
Und dann kommen sie zu dem Berg. Und an dieser Stelle berichtet der Evangelist, den wir Matthäus nennen:
„Als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder. Aber einige hatten Zweifel.“
Einige hatten Zweifel - ist das eine wichtige Informationen? Wozu hat Matthäus das mit rein geschrieben?
Wenn ich mal ganz ehrlich bin und in mich schaue, dann halte ich das für den spannendsten Nebensatz, den Matthäus an dieser Stelle aufgeschrieben hat.
Da war nicht alles Party, Happy Hour... „Hurra, Hurra, Jesus ist auferstanden.“
Da waren Menschen, die Jesus direkt vor sich sahen.
Und die hatten Zweifel.
Und das kenne ich doch irgendwo her. Von mir selbst. Obwohl Jesus nicht leiblich vor mir steht.
Wie oft schwirrte in meinem Kopf schon die Frage herum:
„Warum machen ich das alles hier? Oder: Warum machen wir das alles hier? Hat das überhaupt einen Sinn?“
Gerade während meines Studiums hatte ich eine Zeit lang große Zweifel, ob Jesus wirklich leiblich auferstanden ist.
Und jetzt kommt das Spannende.
Wenn wir in diesem Text sogar von den Jüngern, die Jesus leiblich so nah waren, wie niemand sonst auf dieser Welt, lesen, dass einige Zweifel hatten... dann kann das nur eins bedeuten:
Zweifel sind in Ordnung. Es ist ok... du darfst zweifeln.
Wir dürfen in der Gemeinde und als Christen zweifeln und mit diesen Zweifeln auch kämpfen und ringen.
Das ist nichts böses. Zweifel machen Gott oder Jesus nicht kleiner. Zweifel verhindern auch die Ausführung des Auftrags nicht, wie später noch sehen werden.
Zweifeln ist menschlich. Ich persönlich glaube inzwischen sogar, dass Zweifeln sogar geistlich gesund ist.
Christen, die noch nie gezweifelt haben, wecken bei mir immer eine gewisse Skepsis und Infragestellung.
Wer noch nie gezweifelt hat, wer also seinen eigenen Glauben noch nie hinterfragt hat, dessen Glaube steht vielleicht auf sehr dünnem Eis.
Wie kann jemand, der sich ernsthaft Gedanken über den christlichen Glauben macht, noch nie gezweifelt haben? Was ist das für ein Glaube der nicht durch Zweifel und Anfragen geprüft wurde?
2. „Gott hat mir alle Macht gegeben“
Auch Jesus verurteilt diese Zweifler hier nicht. Ganz im Gegenteil geht er auf alle Jünger ein, indem er genau das in Worte fasst, was sie gerade erleben.
Und das ist auch mein zweiter Punkt:
Jesus sagt:
„Gott hat mir alle Macht gegeben, im Himmel und auf der Erde.“
Er bestätigt durch seine Worte das, was die Jünger gerade erleben. Er ist auferstanden. Gott hat ihm alle Macht gegeben.
Und genau dadurch lässt Jesus die Jünger nicht in ihren Zweifeln, sondern indem sie erleben und hören dürfen, dass Jesus die Wahrheit sagt, erhebt Jesus sie aus ihren Zweifeln zu etwas Größerem, Höherem.
Jesus gibt durch diesen Satz den Jüngern zu verstehen:
„Ihr erlebt nun, dass ich der Menschensohn, dass ich der Messias bin. Ich lade euch ein, mir ultimativ zu vertrauen.“
Ich glaube, an dieser Stelle steckt eine ganz wichtige Erkenntnis dafür, wie wir „Mission“ heute verstehen können.
Nicht wir befreien die Menschen von ihren Zweifeln. Jesus tut es.
Jesus hat die Macht. Auch wenn wir manchmal so tun, als hätten wir sie.
Wir können große Zelt-Evangelisationen mit einem riesigen Aufwand machen.
Wir können den Menschen um uns herum alle Zweifel durch schlagkräftige biblische Argumente widerlegen.
Wir können so viele Bekehrungsgespräche führen und so viel Traktate verteilen wie wir wollen.
Doch letztendlich ist es alleine von Gott abhängig. Jesus hat die Macht.
- Er nimmt die Zweifel aus einem menschlichen Herzen.
- Er schenkt es, dass Menschen anfangen zu vertrauen.
- Er wirkt es, dass Menschen ihr Leben an ihm ausrichten.
Manchmal vergessen wir das, oder?
Und dann sind unsere Programm und Aktionen wichtiger als die konkrete Begegnung mit ihm, mit Jesus selbst.
Denn das ist unsere Hauptaufgabe in der Mission:
Menschen in die Begegnung mit Jesus führen, indem wir uns so verhalten wie Jesus.
3. „Darum geht nun hin“
Und nun kommt für mich der Kernsatz dieser ganzen Passage.
Jesus beauftragt seine Jünger:
„Darum geht hin zu allen Völkern und macht die Menschen zu meinen Jüngern und Jüngerinnen.“
Darum geht nun hin -
Die Jünger sollen nach diesem Erlebnis mit Jesus nun losziehen und die gute Nachricht verbreiten.
In der damaligen Zeit hieß das, lange Wanderungen von Ort zu Ort und predigen auf den öffentlichen Plätzen der antiken Welt.
Die Jünger sollten es weitererzählen, sie sollten Zeugnis geben. Und sie konnten es, weil sie diese Erfahrung mit dem Auferstandenen gemacht hatten, die sie begeisterte.
“Darum geht nun hin“ -
In diesen vier Worten steckt der Auftrag und die Kraft der gesamten Urchristenheit.
Die urchristlichen Gemeinden entstanden nur deshalb, weil die Jünger von Jesus losgezogen sind, weil sie „hin“ gegangen sind.
Aber was bedeuten diese Worte heute für unsere Gemeinden, hier in Deutschland?
In manchen christlichen Gemeinden habe ich das Gefühl, dass wir diesen Auftrag zwar nicht vergessen, aber dass wir ihn für uns bequem umgedeutet haben.
„Darum ladet nun in euer Gemeindehaus und zu euren Veranstaltungen alle Völker ein und stülpt ihnen eure Kultur und Lebensweise über.“
So oder so ähnlich könnte man denken, wenn man in manche christlichen Gemeinden schaut. Und da sehe ich unsere FeGs an manchen Stellen mit dabei.
Aber das hat Jesus niemals gesagt.
Er sagte: „Darum geht nun hin“
Was heißt das?
Es heißt, dass wir unser momentanes Bild von Mission und Evangelisation vielleicht überdenken oder gar über Bord werfen müssen.
Versteht mich bitte richtig:
Ich halte ProChrist grundsätzlich für eine gute Sache.
Ich glaube auch, dass die Zelt-Mission oder ähnliche Veranstaltungen dazu geeignet sein können, Menschen mit Gott in Berührung zu bringen.
Aber so wie ich Jesus hier verstehe, sagt er, dass wir als seine Jünger hingehen sollen.
Hingehen zu den Menschen in unserer Umgebung und mit ihnen zusammen leben. Außerhalb dieser Mauern. Das Video vorhin hat es schon deutlich gemacht.
Der Auftrag findet nicht in unseren Gemeindehäusern statt, sondern draußen in der Welt.
Da draußen sind Leute, die sehnen sich nach einem Atemzug vom Leben mit Jesus. Sie sind alleine, verzweifelt, hoffnungslos, orientierungslos oder einfach nur verärgert.
Und wir alle sind das Jesus-Aroma. Wir sind der Geruch, der Geschmack, das Aussehen von Jesus heute.
Ich möchte mal eine provokante Frage stellen:
Was würde von unseren Gemeinden übrig bleiben, wenn wir keine Gemeindehäuser, keine Sonntagsgottesdienste und keine Hauptamtlichen hätten?
Wenn alles Äußerliche weg wäre, gäbe es unsere Gemeinden dann trotzdem noch?
Oder mal anders formuliert:
Unsere Gemeinden haben ihre Existenzberechtigung einzig und allein in diesem Satz Jesu:
„Darum geht nun hin“
Wir sind nicht Gemeinde, weil wir Gebäude, Gottesdienst oder Programme haben.
Unsere Gemeinden sind entstanden, weil jemand vor vielen Jahren in Gudensberg, Werkel, Edertal und Bad Wildungen hin gegangen ist und geglaubt hat:
„Auch hier möchte Gott seine Gemeinde bauen.“
Wir sind nur dann Gemeinde Jesu, wenn wir selbst auch „hin gehen“.
Und ich möchte es noch etwas spitzer ausdrücken:
Wir sind nicht für uns selbst da.
Gemeinde ist nicht primär für Christen da.
Unsere Gemeinden sind da, damit wir Stärkung, Ermutigung, Gemeinschaft und Liebe erfahren, die wir unter der Woche wieder an die Menschen um uns herum weitergeben können.
Und ich bin davon überzeugt, es reicht heute nicht mehr aus, Leute mit einem Stand auf der Straße anzusprechen. Oder suchende Menschen in unser Gemeindehaus einzuladen und sie dort mit unserem Programm zu beeindrucken.
Wenn wir heute den Auftrag Jesu leben wollen, müssen wir raus gehen. Vielleicht nicht sofort immer in ein anderes Land. Dazu sind manche von uns sicher auch berufen.
Wir müssen dorthin gehen, wo die Menschen leben. Denn sie leben offensichtlich überall, nur selten bei uns in der Gemeinde. Da hilft es auch wenig, das Gemeindehaus oder unser Programm attraktiver zu machen.
Nein, ich bin fest davon überzeugt, dass uns Jesus heute dorthin senden möchte, wo wir das Leben mit anderen Menschen teilen können.
In die Kneipen, die Diskos, die Kirmes, das Schwimmbad, das Kino, die Bushaltestelle, das Fußball-Stadion, den Strand, die Schule, das Büro, das Restaurant usw.
Überall dort wo Menschen ihr Leben verbringen, sollten wir auch sein und es mit ihnen teilen. Und sie dabei in Berührung bringen mit dem lebendigen Gott, der in uns lebt.
Nicht durch Traktate oder durch aufgezwungene Glaubensgespräche. Sondern in der konkreten Beziehung. Wir sind vielleicht der einzige Teil der guten Nachricht, den manche Menschen jemals kennenlernen werden.
Wir dürfen nicht länger Mission als einen Programmpunkt von vielen veranstalten.
Es wird Zeit, dass wir als ganze Gemeinden Mission sind!
Wie das konkret aussehen kann, das können wir in unseren Kleingruppen, in unseren Kreisen und im Dialog miteinander und mit Gott herausfinden.
Aber es ist nötig, dass wir heute damit anfangen.
Zum Schluss nochmal das Fazit meiner drei Punkte:
- Zweifeln ist erlaubt!
- Jesus hat die Macht!
- Der Auftrag lautet „Hingehen“ und Evangelium sein!
Amen.