Material: Erneuerung

Predigt in der FeG Bad Wildungen am 13.09.2009

Die große Menschenmenge bewegte sich vorwärts. Staub stieg auf, es war heiß und trocken.

Sie wollte zu ihm. So lange hatte sie auf ihn gewartet. Und jetzt war er da. Wenn doch nur diese ganzen Menschen nicht im Weg wären.

Langsam drängte sie sich durch die Menge. Männer, Frauen, Kinder... alle liefen mit ihm zum Haus des Synagogen-Vorstehers. Es war eng und schwitzig.

Wenn ich ihn doch nur berühren könnte, dachte die Frau. Er musste es sein. Von ihm hatten die Propheten vorhergesagt. Er wird mich heilen. Der Messias.

Ihre Gedanken trieben sie vorwärts, weiter durch die dichte Menschenmenge.

Seit zwölf Jahren war sie nun krank gewesen. Es hatte einfach nicht aufgehört. Man hatte sie aus der Synagoge ausgeschlossen. Sie galt bei den Leuten des Ortes als unrein. Niemand hatte sie bisher heilen können.

Und jetzt lief sie hier in dieser dicht gedrängten Menschenmenge. Sie quetschte sich zwischen zwei größeren Männern hindurch. Endlich. Sie war in der zweiten Reihe. Sie konnte ihn sehen.

Er war noch gut zwei Meter von ihr entfernt. Sie musste zu ihm. Ihn berühren. Ihn anfassen. Mit etwas Druck schob sie sich zwischen einen Mann und eine Frau in der ersten Reihe.

Er war jetzt direkt vor ihr. Jetzt war der Augenblick. Sie streckte die Hand aus und berührte ganz sachte einen Zipfel seines Gebetsschals.

Und plötzlich spürte sie es. Eine Kraft ging durch ihren ganzen Körper. Augenblicklich konnte sie fühlen, dass ihre Krankheit sie verließ.

Doch er hatte es bemerkt. Er blieb stehen und drehte sich um. Die ganze Menschenmenge kam zum Stillstand.

„Wer hat mich berührt?“ fragte er in die Menge.

Die Leute blickten sich fragend an. Keiner antwortete. Einige zuckten mit den Achseln.

Leicht amüsiert meinte einer seiner Begleiter:
„Meister, das Volk drängt und drückt dich. Jeder berührt dich irgendwie.“

„Aber es ging eine Kraft von mir aus, ich habe es gespürt“ sagte er.

Sie erschrak und zuckte innerlich zusammen. Oh nein, er hatte es tatsächlich gemerkt. Sie wollte eigentlich gar nicht auffallen. Aber jetzt war es eh zu spät.

Sie merkte wie ihr Tränen in die Augen stiegen.

„Ich war es“ sagte sie zitternd und hob die Hand ein wenig.
„Ich war seit 12 Jahren krank. Doch eben als ich euch berührte, Rabbi, bin ich gesund geworden.“

Er blickte sie mit liebevollen Augen an. Sie konnte so etwas wie Freude darin erkennen.

„Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh hin in Frieden.“

Eine spannende Geschichte, die Lukas da im achten Kapitel seines Evangeliums aufgeschrieben hat.

In der Luther-Bibel ist sie überschrieben mit:
„Die Heilung einer blutflüssigen Frau“

Ich vermute mal, die meisten von euch, die schon länger Christen sind, kennen diese Geschichte.

Aber egal, ob du die Geschichte schon kennst oder nicht: Ich lade dich heute morgen ein, neu mit mir über diese Geschichte und ihren Inhalt nachzudenken.

Und damit wir das machen können, möchte ich eine kleine Vorbemerkung machen, sozusagen etwas Hintergrundwissen zu dieser Geschichte liefern.

Das hebräische Wort zizith taucht erstmals im 4. Buch Mose auf. Dort sagt Gott zu Mose:

„Sag den Israeliten, dass sie und alle ihre Nachkommen an die Zipfel ihrer Gewänder Quasten nähen sollen, die mit einem Stück Schnur aus violettem Purpur zusammengebunden sind.

Die Quasten sollen euch daran erinnern, meinen Geboten zu gehorchen. Immer wenn ihr sie seht, sollt ihr an meine Weisungen denken. Das wird euch helfen, nicht mit euren Gedanken oder Blicken umherzuschweifen und eure eigenen Ziele zu verfolgen.“

Gott befielt seinem Volk, Quasten an die Ecken ihrer Gewänder zu nähen, damit sie sichtbar daran erinnert werden, so zu leben, wie er es für sie vorgesehen hat.

Für „Zipfel“ wird an dieser Stelle das hebräische Wort kanaf verwendet. Das Wort für „Quaste“ oder „Saum“ ist zizith.

Bis heute tragen viele Juden einen Gebetsschal, um diesen Text zu befolgen. Der Gebetsschal kommt auch in der Bibel an einigen interessanten Stellen vor.

Eine der bedeutendsten ist die Vorhersage von Maleachi:
„Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln.“

Maleachi verwendet für Flügel hier das Wort kanaf - dasselbe Wort, das im 4. Buch Mose für den Zipfel des Umhangs verwendet wird, an dem die Quasten befestigt waren.

Daher entstand die Legende, wenn der Messias käme, würden in seinem kanaf, den Quasten seines Gebetsschals, besondere Heilkräfte stecken.

Und damit kommen wir wieder zu unserer Geschichte.
Jesus war ein jüdischer Rabbi, der die Thora geachtet und die Gebote der Heiligen Schrift Wort für Wort eingehalten hat. Auch den Abschnitt mit den Quasten im vierten Buch Mose.

Jesus trug also vermutlich einen Gebetsschal. Das ist vielleicht eine komische Vorstellung. Ich weiß ja nicht wie dein Bild von Jesus bisher war: Weißes Gewand, lockige braune Haare, bärtiges Gesicht.

Diese an unsere westliche Kultur angepasste Jesus-Bild sollten wir mal über den Haufen werfen. Jesus war ein Jude der Antike. Ein Rabbi. Und so sah er auch aus. Vermutlich war er sogar dunkelhäutig.

Aber zurück zum Wesentlichen:
Wenn die Frau nach dem Saum seines Mantels greift, dann zeigt sie, dass sie Jesus für den Messias hält und dass sie glaubt, die Quasten besitzen heilende Kräfte. Sie glaubte, Jesus ist der, von dem Maleachi redet.

„Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln...“

Die Frau berührt die Quasten und ist geheilt, genau so wie Maleachis Prophezeiung verstanden wurde.

Aber ich glaube nicht, dass es Jesus in dieser Geschichte um körperliche Heilung ging. Ich glaube, es geht um das, was er sagt, als er die Frau trifft.

Jesus sagt etwas komisches: „Geh hin in Frieden.“

Für Frieden hat Jesus hier wahrscheinlich das hebräische Wort shalom verwendet. Dieses Wort shalom ist ein bedeutendes in der Bibel und es ist nicht ganz richtig, es einfach mit Frieden wiederzugeben.

Viele von uns verstehen unter Frieden die Abwesenheit von Konflikten. Wir reden von Frieden zu Hause oder in der Welt.

Doch das hebräische Verständnis von shalom geht weit über die Abwesenheit von Konflikten und Streit hinaus.

Shalom ist die Gegenwart der Güte Gottes.
Shalom ist die Erfahrung von Ganzsein, von Vollständigkeit.

Als Jesus die Frau in Frieden gehen lässt, legt er Gottes Segen auf sie in ihrer Ganzheit. Nicht nur auf ihren Körper. Er segnet sie mit Gottes Gegenwart in ihrem ganzen Dasein.

Was bedeutet das?

Für Jesus ist das Heil vom Wesen her ganzheitlich. Gerettet oder mit Gott versöhnt zu werden, umfasst für Jesus weit mehr als die Rettung des Körpers oder der Seele.

Erlösung umfasst den ganzen Menschen in seiner Gesamtheit.

Und jetzt kommt es:

Gott wünscht sich für uns, dass wir diese Ganzheit erfahren: in Harmonie mit ihm zu leben - Körper, Seele, Geist, Verstand, Gefühle - jeder Zentimeter unseres Seins.

Aber wenn ich jetzt von dieser Geschichte ausgehend sage, Jesus versteht Erlösung ganzheitlich, dann hat das weitreichende Konsequenzen für uns.

Ein Leben im Einklang mit Gott umfasst demnach viele unterschiedliche Dimensionen.

In gewissem Sinne verstehen viele Christen Erlösung als Rechtsgeschäft. Wir Menschen sind schuldig wegen unserer Sünde, und Gott ist der Richter, der sich mit unserer Sünde befassen muss.

Denn er ist heilig und jede sündige Handlung richtet sich gegen sein eigentliches Wesen. Er muss sich damit befassen.

Er schickt Jesus, der an unserer Stelle am Kreuz stirbt. Jesus bekommt, was wir verdienen; wir bekommen, was Jesus verdient hätte.

Erlösung betrifft nicht nur unser Jenseits. Erlösung bedeutet die umfassende, ganzheitliche Erfahrung der Güte Gottes mit jedem Zentimeter unseres Seins.

Für Jesus ist Erlösung allerdings weit mehr. Das Heil schließt dieses Verständnis ein, aber es ist weit umfassender - es ist eine Lebensweise.

Gerettet oder erlöst oder freigemacht oder heil zu werden bedeutet, eine ganz neue Lebensweise in Harmonie mit Gott zu beginnen. Die Rabbis nannten Harmonie mit Gott olam haba.

Das heißt übersetzt "Leben in der kommenden Welt".
Erlösung heißt, mehr und mehr in Harmonie mit Gott zu leben - ein Prozess, der immer weitergehen wird.

Wenn wir Erlösung unter dem Gesichtspunkt eines Rechtsgeschäfts betrachten, dann ist das Entscheidende am Kreuz, was es für uns getan hat.

Jesus hat ein für alle Mal das Werk getan, indem er für unsere Sünden am Kreuz gestorben ist und gesagt hat: „Es ist vollbracht.“

Jetzt muss nichts mehr hingegeben, nichts mehr geopfert werden. Jesu Tod ist Gott genug. Als Christen nehmen wir dies als Wahrheit in Anspruch. Alles ist vergeben worden.

Aber eine andere Seite wird von vielen Christen oft vergessen oder weggelassen:
Es gibt auch das Werk des Kreuzes in uns. Da ist Jesu Tod zu unseren Gunsten ein für alle Mal, aber da ist auch das fortwährende Werk des Kreuzes in unseren Herzen und Köpfen, in unserer Seele und in unserem Leben.

Da ist die fortwährende Notwendigkeit, zum Kreuz umzukehren, um an unsere Zerbrochenheit und Abhängigkeit von Gott erinnert zu werden. Da ist die Heilung durch das Kreuz, die wir jeden Tag neu nötig haben.

Womit wir bei der Vergebung sind.

Der Kernpunkt am Kreuz ist nicht die Vergebung. Vergebung führt zu etwas viel Größerem: Erneuerung.

Gott ist nicht daran interessiert, dass unsere Sünden lediglich überdeckt werden; Gott will uns zu den Menschen machen, zu denen wir ursprünglich geschaffen wurden.

Es geht nicht nur darum, dass etwas, was uns zur Last gelegt wird, aus der Welt geschafft wird; es geht darum, dass Gott uns sozusagen „in Form bringt“ und uns zu den Menschen macht, die er ursprünglich im Sinn hatte, als er uns erschuf.

Es geht um Erneuerung: In dem, was Jesus sagt, dreht sich alles darum, dass wir Menschen werden, die großherzig, liebevoll und mitfühlend sind.

Das Ziel hier ist nicht einfach, nicht zu sündigen. Der Sinn unseres Daseins ist, den Shalom hier auf der Welt zu vermehren.

Darum ist jeder Zugang zum christlichen Glauben, der einzig darauf abhebt, dass wir nicht sündigen, verfehlt. Er hat das falsche Ziel im Blick.

Es geht nicht darum, was Sie nicht tun. Der Kernpunkt ist, dass wir zu den Menschen werden, die Gott sich vorgestellt hatte, als er uns erschuf.

Vergebung meint nicht nur, dass unsere Sünde aus der Welt geschafft wird. Nein: Gott „bringt uns in Form“, er macht uns zu neuen Menschen. Ganz real.

Es ist das eine, Vergebung zu erfahren; es ist etwas anderes, immer mehr und immer mehr zu den Menschen zu werden, als die Gott uns geschaffen hat.

Ich möchte das noch weiter ausführen: Wenn wir Erlösung nur als Rechtsgeschäft auffassen, in dessen Zuge uns die Sünden vergeben werden, sodass wir in den Himmel kommen, dann wird Erlösung zu einem Fahrschein nach irgendwo.

Nach diesem Verständnis ist Ewigkeit etwas, das sich auftut, wenn ich sterbe. Doch das hat Jesus nicht gelehrt. Jesus sagte, wenn wir glauben, haben wir die Grenze vom Tod zum Leben schon überschritten.

Gott war immer und wird immer sein. Und wenn ich durch Christus eine Beziehung zu Gott eingehe, bin ich jetzt mit Gott verbunden und werde immer mit Gott verbunden sein. Für Jesus ist die Erlösung jetzt.

Ich brauche Gott für das Jetzt. Heilung brauche ich jetzt. Hilfe brauche ich jetzt.

Ja, irgendwann werden noch größere Ereignisse eintreten.
Aber Erlösung ist jetzt.

Das führt nun zu einer weiteren Gefahr darin, wenn man Erlösung nur eindimensional betrachtet. Definiert man Glauben einzig durch Rechtsbegriffe, dann wird zur vorherrschenden Idee häufig die Formulierung „Jesus in dein Herz einladen.“

Aber das steht in der Bibel nirgends.
Das heißt nicht, dass das nicht legitim wäre; das heißt lediglich, wir müssen vorsichtig sein, dass wir uns keine Ideen zu Eigen machen, die nicht mit dem übereinstimmen, was Gott eigentlich im Sinn hat.

Problematisch wird es, wenn es bei der Erlösung nur noch um mich geht. ICH werde gerettet. ICH bekomme meine Sünden vergeben. ICH werde mit Gott versöhnt.

Die Bibel malt ein viel größeres Bild von der Erlösung. Die ganze Schöpfung soll erneuert werden. Der Verfasser des Epheser-Briefes schreibt, dass alle Dinge unter der Herrschaft Christi zusammengefasst oder vereint werden.

Erlösung bedeutet, dass das gesamte Universum wieder in Einklang mit dem Schöpfer gebracht wird.

Erlösung: Es geht nicht nur um meine Seele. Die ganze Schöpfung soll erneuert werden.

Das hat gewaltige Auswirkungen darauf, wie Menschen die Botschaft Jesu darstellen. Ja, Jesus kann in unser Herz kommen.

Doch wir können uns einer Bewegung anschließen, die so weit und tief und groß wie das Universum selber ist. Felsen und Bäume, Vögel und Sümpfe und Ökosysteme. Es ist Gottes Wunsch, all das zu erneuern.

Es geht nicht um mich; es geht um Gott.
Es ist eine Sache, errettet zu werden. An Jesus zu glauben.

Eine andere Sache ist es, heil zu werden. Man kann gerettet sein und doch unglücklich. Man kann gerettet sein, aber nicht geheilt, ganz, Leben spendend.

Es ist möglich, dass das Kreuz etwas für einen Menschen getan hat, aber nicht in ihm.

Und damit sind wir auf dem Punkt.

Ich rede nicht von irgendwelchen Christen da draußen. Ich rede von uns. Von euch. Ich meine uns Christen, die wir hier in Bad Wildungen gemütlich im Gottesdienst sitzen.

Einige Fragen:
* Wo leben und verfolgen wir ein unvollständiges Evangelium oder eine unvollständige Erlösung?
* Sind unsere Herzen und Gedanken trotz unserem Glauben an Jesus seit Jahren diesselben?
* Was hat sich in dir erneuert? Was erneuert sich gerade jetzt in dir durch Jesus? Wie wird Erneuerung in uns für die Welt sichtbar?

Es ist dringend an der Zeit, dass wir uns diese und ähnliche Fragen stellen.
Und die Antworten darauf sollten nicht nur hohle Phrasen, sondern sichtbare Veränderungen in unserem Leben, in unserem Handeln und unserer Gemeinde sein.

Jesus hat unsere Sünden vergeben, ja. Aber das ist nicht das Ziel.
Jesus will uns durch die Vergebung erneuern. Ständig. Ein Leben lang bis zu unserem Tod.

Neue Gedanken, neue Gefühle, körperliche Heilung, seelische Heilung… wenn das alles in unserem Leben nicht vorkommt, dann leben wir an der vollen Erlösung vorbei.

Und das gilt auch für unsere Gemeinde. Wenn wir diese Dinge in unserer Gemeinde nicht erleben, wenn sie nicht regelmäßig vorkommen, dann sollten wir auch die Zukunft dieser Gemeinde in Frage stellen.

Vielleicht möchte Gott etwas ganz Neues. Etwas, das wir uns noch gar nicht vorstellen können, weil unser Denken und unser Herz dafür verschlossen ist.

Und ich ermutige dich, die kommenden Tage zu nutzen, um herauszufinden, was das ist.

Höre mal bewusst auf die Menschen mit denen du zu tun hast:

Was sich in mir erneuern muss, kann ich mir schlecht selbst sagen. Meiner Erfahrung nach, sind es hauptsächlich andere Menschen durch die Gott in mein Leben hineinspricht oder hineinwirkt.

Und ich glaube jeder von uns hat solche Menschen. Jedenfalls hoffe ich das, denn ansonsten sind wir arm dran. Achte mal in der kommenden Zeit bewusst darauf: Wo möchte Gott mich formen und verändern?

Ich lade dich ein strecke dich in den nächsten Tagen aus nach Erneuerung. Erneuerung in deinen Worten, Gedanken, Gefühlen und Einstellungen.

Erneuerung im Bezug auf dein Verständnis von Gemeinde. Erneuerung im Umgang mit anderen Menschen.

Gott will, dass du die Erfahrung von Shalom machst.
Und wenn du dich danach ausstreckst und Gott bittest, wird er dich erneuern und verändern.

Und vielleicht fängt er bei dir heute an.

Amen.