Ärzte und andere Voll...

Normalerweise versuche ich Menschen und ihre Handlungen differenziert zu betrachten. Aber die Teile des deutschen Gesundheitswesens, die ich in den letzten Tagen erlebt habe, treiben mich innerlich zur Weißglut und wandeln meine eh schon vorhandene kritische Distanz zu Ärzten, Arztpraxen und Krankenhäusern in emotionale Aggression um. Allerdings nur im Auto und in den heimischen vier Wänden. Es gibt Minuten, in denen ich mehr fluche, als ich Wörter zur Verfügung habe. (Ich danke Gott, dass er die harte und aggressive Gitarren-Musik erfunden hat, damit ich mich beruhigen kann.)

Wir mussten in den letzten 11 Tagen mehrfach zum Arzt, weil sich meine Frau am Knie verletzt hatte. In der Notaufnahme kostet der Notfall (!) natürlich dann erstmal 10 Euro Gebühr, bevor man überhaupt angeschaut wird. Dort bekam meine Frau einen Gips und Krücken. Die Gesundheitspfleger waren trotz der späten Uhrzeit relativ nett und freundlich. Die Ärztin war diagnostisch-kühl, schaute sich kurz die Röntgen-Aufnahme an und schicke uns zum Hausarzt. Diagnose: Schäden am Knorpel. Genaueres kann erst ein MRT zeigen.

Zwei Tage später dann zum Haus-Arzt. Dort natürlich 10 Euro Praxisgebühr. Dafür wird die Notfall-Gebühr ja nicht angerechnet, trotz gleicher Erkrankung. Gips untersuchen lassen und Überweisung holen. Dort werden wir wie Ware schnell abgefertigt und zum Orthopäden abgeschoben. Das Praxis-Personal ist gestresst, aber nicht unfreundlich. Der Arzt nimmt sich ca. 1 Minute Zeit und verzieht keine Mine. Hallo, Aha, Tschüss.

Weiter zum Sportmediziner und Chirurgen. Der hat seine Praxis ca. 15 km von unserem Hausarzt entfernt. An dessen Tür angekommen lesen wir: Bin heute nicht da, mein Vertreter heißt XY, ist Orthopäde und hat seine Praxis in einem anderen Ort, ungefähr 10 km entfernt. (Ja, auf dem Land sind die Wege von Arzt zu Arzt echt riesig!)

Dann kommen wir zum Orthopäde. Dieser beschwert sich erstmal, wie bescheuert doch die anderen Ärzte sind und sagt uns, dass auch der Hausarzt oder sogar das Krankenhaus uns eine Überweisung direkt zum MRT hätten geben können. Etwas verärgert verlassen wir den Orthopäden mit einer Überweisung zur nächsten Klinik mit Radiologie. Wir bekommen einen Eilfall-Termin 7 (!) Tage später.

Heute morgen um 7.30 Uhr dann die MRT-Untersuchung in der Klinik. Sie haben uns dazwischen geschoben, andernfalls hätten wir Wochen warten müssen. Die Gesundheitspflegerin in der Radiologie: Eine unfreundliche Zicke. Nach dem Scan bekommen wir gesagt, dass die Bildunterlagen direkt an den Orthopäden geschickt werden, und zwar in 3-4 Werktagen. Man könne uns die CD mit den Bildern nicht mitgeben.

Danach zurück zum Orthopäden. Dort beschwert sich der Arzt, dass er ohne Bild-Material keine Diagnose stellen kann. Er ruft im Krankenhaus (in der Radiologie) an und bekommt sofort gesagt, was los ist: Die Kniescheibe ist verschoben und der Knorpel rundherum beschädigt. Außerdem ist das Gelenkband wohl zu lasch und hält die Kniescheibe nicht richtig. Er verordnet zur Therapie eine Arthroskopie (also eine Operation) in einer orthopädischen Klinik, die wiedermal 40 km von unserem Wohnort entfernt ist. Diese Operationen sind umstritten, wie dieser Bericht zeigt.

Die Sprechstunden-Hilfe versuchte dann 45 Minuten lang die Klinik zu erreichen. Entweder war besetzt oder es ging minutenlang keiner dran. Also bekamen wir die Überweisung in die Klinik mit und sollten selbst von zu Hause in der Klinik anrufen und meine Frau anmelden.

Anschließend waren wir im Sanitätshaus um eine vom Orthopäden verordnete Kniebandage zu holen. Eigene Zuzahlung: 7% statt 5 Euro.

Und dann der Höhepunkt gerade eben: Ich rufe von zu Hause in der Klinik an, allerdings nicht über die mitgegebene Nummer, sondern ich schaue auf der Homepage nach. Dort geht nach einigen Versuchen jemand ran. Der diensthabende Facharzt ist nicht ans Telefon zu holen, völlig beschäftigt. Stattdessen werden wir mit irgendeinem anderen Arzt verbunden. Ich sage ihm die Diagnose des Orthopäden und frage, ob ich meine Frau gleich vorbei bringen soll. Nein, das hätte keinen Zweck, im Moment könne sich niemand um sie kümmern. Wir sollen in zwei Tagen (Mittwoch) zur normalen Sprechstunde in die Ambulanz kommen. Dort wird dann auch erst entschieden, ob die Diagnose stimmt und ob überhaupt operiert bzw. arthroskopiert wird. Auf meine Warum-Frage antwortet mein Gegenüber nur kühl: Ja, das könne jeder Arzt nochmal neu entscheiden und sie wollen es erst selbst diagnostizieren.

Wenn ich eine Hutschnur hätte, wäre diese wohl spätestens jetzt mit einem mächtigen Donnerschlag geplatzt. Das kann doch wohl echt nicht wahr sein. Da kurven wir stundenlang zu allen möglichen Ärzten, nehmen alle möglichen Strapazen und einen gigantischen Zeitverlust in Kauf und dann das.

An solchen Stellen frage ich mich ernsthaft, wo unser ganzes Geld, das wir monatlich in die Krankenversicherung einbezahlen, hingeht. Aber eigentlich brauche ich mich das gar nicht zu fragen. Ich weiß es: Die Versicherung bekommt einen großen Batzen. Dann die Ärzte und zuletzt das Praxispersonal. Unabhängig davon, wie asozial und inkompetent die sich verhalten.

Würde man manche Ärzte nach Empathie und Freundlichkeit bezahlen, dann wären sie in einem 1-Euro-Job noch überbezahlt. Aber wir zahlen ja nicht die menschliche Behandlung. Wir zahlen das in einem ellenlangen Medizinstudium angehäufte Fachwissen, egal ob sich der Träger des Wissens wie ein freundlicher Fachmann oder wie ein Fachidiot benimmt.

Und damit komme ich wieder an den Anfang zurück. Ich schere das jetzt bewusst alles mal über einen Kamm und sage: Am deutschen Gesundheitssystem muss sich dringend was ändern. Service und Freundlichkeit müssen wie in der Dienstleistungsbranche auch zu Qualitätsmerkmalen für Bezahlung werden. Und wir brauchen vermutlich viel mehr kompetente, soziale Ärzte, die sich wieder (wie früher einmal?) um jeden Menschen individuell kümmern. Bis dahin verbleibe ich in kritischer Distanz.

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