Musik & Glaube
Für meinen heutigen Beitrag steige ich mal mit einem Zitat ein:
Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber es unmöglich ist zu schweigen. — Victor M. Hugo
Bei einem Gespräch mit besorgten Eltern heute stellte ich (wieder einmal) fest, dass es immer noch Christen gibt, die behaupten, es gebe Musik, die man als Christ nicht hören soll bzw. darf. Und da ich nicht dieser Meinung bin, empfand ich es sinnvoll meine eigene Position mal reflektierend darzustellen. Denn diese Frage kommt in der Jugendarbeit nach meiner Erfahrung öfters auf: Gibt es grundsätzlich Musik, die ich bzw. mein Sohn/meine Tochter als Christ nicht hören soll oder darf?
Wenn jemand die Frage so stellt, dann lautet meine Antwort darauf lautet: Nein.
Jeder einzelne Ton auf dieser Welt ist Teil der Schöpfung und somit Teil dessen, was Gott selbst zu Beginn der Welt als "sehr gut" bezeichnet hat. Und jeder Mensch kann alles von Gott Geschaffene zum Guten oder zum Bösen einsetzen. Das trifft auch auf die Musik zu.
Es gibt keine Töne und Kombinationen von Tönen, die ich mir als Christ nicht anhören darf oder soll. Für mich stellt sich immer die Frage nach der Frucht: Was macht die Musik mit mir? Wozu treibt sie mich? Was regt sie in mir an? Wie prägt sie meine Gedanken und Gefühle?
Ich mache das mal an dem Beispiel Hardcore deutlich: Bei Wikipedia kannst du dir alle wichtigen Informationen zu dieser Musikrichtung anlesen.
© 2009 kristiangullner @ flickr.com
Die Musik spricht einen emotionalen, tieferen Kern in meinem Wesen an. Für mich klingt die Musik aggressiv, aber leidenschaftlich. Sie treibt mich dazu, meine Gefühle nicht länger zu verbergen, sondern mich ihnen zu stellen und sie wenn nötig & möglich nach außen zu lassen. Ich kann beim Hören dieser Musik Stress abbauen, sie entfacht Liebe in mir, indem sie allen Zorn und alle Wut aufsaugt und vernichtet.
Wenn ich auf einem Hardcore-Konzert bin, kann ich total ausrasten und sämtliche angestauten Aggressionen und Emotionen durch die Musik und das aggressive Tanzen bei Gott abgeben. Und wenn ich mich mit den Texten beschäftige, dann werden dort oft Themen angeschnitten, die mich auch berühren oder beschäftigen und ich finde es spannend, wie sich Bands (also andere Menschen) durch ihre Musik mit diesen Themen auseinandersetzen. Selbst wenn ich anderer Meinung bin, kann ich diese Musik problemlos hören. Ich glaube, das hat was mit Toleranz zu tun. Und die haben manche Christen sicherlich auch nicht.
Soweit zu mir. Jemand anderes kann das natürlich ganz anders empfinden. Er kann die Musik als laut, nervig, finster, böse, gewalttätig und ungesittet wahrnehmen. Aber er kann mir nicht absprechen, dass die Musik grundsätzlich etwas Wohltuendes oder Gutes bei mir bewirkt. Und wenn ich schlussendlich sogar noch das Gefühl habe, dass Gott mir durch bestimmte Texte etwas Herausforderndes oder Liebevolles sagt, dann bleibt letztendlich jede Diskussion bei dem Thema Geschmack hängen. Und Geschmäcker sind verschieden. Sie sind ein Zeichen der Vielfalt der Schöpfung. Niemand ist gezwungen, eine Musik zu hören oder sich mit einer Musik zu beschäftigen, die ihm emotional oder verstandesmäßig nicht gefällt.
Ich behaupte, einen reflektierten Glauben an Gott kann kein noch so abartiger Text und keine noch so bösartig klingende Musik erschüttern. Das Problem ist aber, dass die meisten Christen (und vor allem diejenigen, die sich gegen solche Musik wenden) keinen reflektierten Glauben haben. Ich könnte jetzt ein dutzend Vorverständnisse darstellen, aus denen man heraus den Glauben und die Musik betrachten kann. Aber vielleicht schreibe ich dazu später lieber mal ein kleines Buch oder so.
Wenn mich allerdings jemand fragt, ob es Musik gibt, die man nachdem man sie einmal gehört und (christlich-ethisch) reflektiert hat, nie mehr hören sollte, dann lautet meine Antwort: Ja.
Dazu zählt für mich z.B. Musik mit faschistischen, rassistischen, frauenverachtenden, menschenverachtenden oder einfach nur kranken Texten. Aber um zu wissen, was ich schlecht und abartig finde, muss ich es zumindest auf irgend eine Art und Weise kennengelernt haben. Ein Urteil aus der Distanz ohne praktische Beschäftigung mit einem Thema, ist keine fundierte, selbst gebildete Meinung, sondern höchsten das Übernehmen von Trends und anderen Meinungen, die nie selbst durchdacht wurden. Aber das gilt ja nicht nur für die Musik.
Und ich schließe meinen Beitrag mit einem Zitat:
"Seid so barmherzig wie euer Vater im Himmel! Richtet nicht über andere, dann werdet ihr auch nicht gerichtet werden! Verurteilt keinen Menschen, dann werdet auch ihr nicht verurteilt! Wenn ihr anderen vergebt, dann wird auch euch vergeben werden. Gebt, was ihr habt, dann werdet ihr so reich beschenkt werden, dass ihr gar nicht alles aufnehmen könnt. Mit dem Maßstab, den ihr an andere legt, wird man auch euch messen."
— Jesus in Lukas 6,36-38
Kommentare
Björn Winter
22. Dezember 2009
"Ich behaupte, einen reflektierten Glauben an Gott kann kein noch so abartiger Text und keine noch so bösartig klingende Musik erschüttern. Das Problem ist aber, dass die meisten Christen (und vor allem diejenigen, die sich gegen solche Musik wenden) keinen reflektierten Glauben haben."
Glaubst du nicht, dass du damit nicht etwas verallgemeinerst? Und du dir nicht selber mal deinen letzten Komentar zu Herzen nehmen solltest? Ich verstehe schon, was du meinst und mir geht es oft mit vielen Dingen selber so. Meistens denke ich dann auch an diese Bibelstelle. Und entdecke darin mich selbst.
Über eine Antwort würde ich mich freuen.
Gruß,
Björn
Sam K.
22. Dezember 2009
Hey Björn,
ich schreibe ja extra "die meisten" (denen ich bisher begegnet bin) und nicht "alle". Ich verurteile und richte diese ja auch nicht dafür, dass sie diesen Glauben nicht haben. Das ist ja deswegen kein "schlechterer" Glaube. Aber sie werden meine Position ohne die dafür notwendige Offenheit & Reflexion kaum verstehen. Das habe ich gerade erst wieder neulich in einem Gespräch gemerkt. Man kommt dann immer irgendwann auf die Geschmacksfrage und diese beendet dann meist jede fruchtbare Diskussion. Wenn aber jemand grundsätzlich offen und reflektiert ist, dann kann er andere eine für ihn "schrecklich" klingende Musikrichtung hören lassen, ohne sie für sich selbst als "gut" zu sehen. Und gerade weil die Bibelstelle mich selbst betrifft, habe ich sie gepostet. Sie erinnert mich daran, dass das was ich hier schreibe, mich genauso einschließt.
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