Warum ich nicht im Web diskutiere
Seit vier oder fünf Jahren diskutiere ich so gut wie nicht mehr in Internet-Foren und versuche mich seither auch im Kommentar-Bereich von Blogs oder neuerdings YouTube-Videos aus jeglichen Diskussionen heraus zu halten.
Ich schreibe zwar Kommentare, aber wenn ich darin meine Sicht eines Themas darlege, nehme ich die möglichen Reaktionen darauf meistens nur zur Kenntnis ohne nochmals darauf einzugehen.
Das liegt nicht daran, dass ich zu vielen Themen keine Meinung hätte oder nicht argumentieren könnte. Es ist auch keine Schreib-Faulheit oder die Angst davor, eine Diskussion zu verlieren. Und es sieht zwar so aus, aber ich ignoriere meinen Gegenüber und seine Meinung/Anfrage/Kritik auch nicht.
Ganz im Gegenteil. Ich diskutiere leidenschaftlich gerne, am liebsten provokativ und kontrovers. Die unangenehmen und schwierigen Themen reizen mich besonders. Und ich bin offen für andere Sichtweisen auf die Welt und andere Perspektiven als meine Glaubensperspektive.
Aber über die Zeit habe ich einfach gemerkt: Schwierige Diskussionen und emotional besetzt Themen sollten nicht im Internet schriftlich diskutiert werden.
Warum? Aus meiner Sicht gibt es drei gewichtige Gründe dagegen:
1. Ich lebe viel entspannter und muss mich nicht so sehr aufregen.
Es ist schon erstaunlich, wie viel Halbwissen, Unwahrheit, Unwissenheit und sogar völlige Dummheit in vielen Internet-Diskussionen als die richtige Meinung oder gar die Wahrheit propagiert wird. Die Ausdrucksweise von viele Diskussionsteilnehmern in diversen Foren und Blogs lässt doch sehr zu wünschen übrig.
Viele Themen wie z.B. Islam, Rechtsextremismus oder Evolutionstheorie sind zudem sehr emotional besetzt und lösen dementsprechende Reaktionen bei Kommentatoren und Foren-Schreibern aus.
Ich schließe mich da selbst nicht aus. Ich habe mal in einem Schulforum mein undifferenzierte, undurchdachte und sicher auch lieblose Meinung zum Thema Homosexualität veröffentlicht. Was danach los war, kann man sich denken. Ich will nur die Spitze des Eisbergs damals kurz nennen: Drohung einer Anklage wegen Volksverhetzung!
Aber ich merke, dass die Anonymität des Internet viele Menschen (und mich auch) zu einem derart niedrigen Diskussionsniveau veranlasst, dass einem übel wird. Ich behaupte, über die Hälfte der Menschen, die im Internet etwas schreiben, würden sich in einer echten Face-2-Face Diskussion nicht mal äußern können, geschweige denn so ein undurchdachtes Zeug von sich geben.
2. Ich will daran gemessen werden, wer ich bin und nicht was ich schreibe
Im Internet wird man auf seine einmal niedergeschriebenen Worte reduziert. Wie ein weiser Dozent in meiner Ausbildung schon sagte: Die Grenzen deiner Sprache sind die Grenzen deiner Welt. Schriftsprache reicht nicht aus, um eine Diskussion zu führen. Es wird nur das Geschriebene und nicht der Mensch dahinter wahrgenommen.
Das ist bei einer Diskussion in der Kneipe oder im Jugendkreis ganz anders. Dort sitzen sich reale Menschen gegenüber. Alleine das verhindert schon, dass Diskussionen total verletzend, entwürdigend und unfreundlich geführt werden (in den Gruppen in denen ich diskutiere zumindest).
Und das geschieht! Man schaue sich nur mal diverse Diskussionen in den Foren von jesus.de oder bei YouTube-Videos über Glaubensinhalte oder Atheismus an. Mir persönlich ist das einfach zu platt und unsachlich, was da abläuft.
3. Eine virtuelle Diskussion verändert meistens nichts
Ich kann so viel schriftlich diskutieren, wie ich will. In einer im Internet geschriebenen Diskussion werde ich jemand anderen nur sehr schwer oder gar nicht zur Veränderung seines Denkens oder Glaubens anregen. Und erst recht nicht von meiner Meinung überzeugen.
Ich merke das u.a. an mir selbst. Wenn ich den anderen Menschen und seine Einstellung nur "lese" und nicht wirklich verstehe, weil ich ihn nicht vor mir sitzen habe und er sein Geschriebenes nicht erklären oder anders deutlich machen kann, bewirkt das bei mir meist gar nichts. Erst die konkrete Begegnung hat (meistens) eine Auswirkung, die verändert. Die Erfahrung habe ich jedenfalls gemacht.
PS: Und das gilt selbst für diesen Blogeintrag ;-)
Fazit:
Bei allen tollen Neuerungen des Web 2.0: Viele Diskussionen im Internet haben nicht im Entferntesten etwas mit sozialem und tolerantem Verhalten zu tun. Ich möchte nicht so viel Zeit mit sinnlosem Diskutieren im Internet verbringen, weil ich mir davon nichts erhoffe und weil ich höchsten Kopfschmerzen und Aggressionen davon bekomme. Wenn ich mit jemandem eine Meinungsverschiedenheit habe, dann lässt die sich meistens am besten telefonisch oder noch besser von Angesicht zu Angesicht diskutieren.
Kommentare
Albi
02. Dezember 2009
also, ich beteilige mich ebenfalls eher weniger an diskussionen im netz, aber eher aus faulheit. naja, ich finde aber das auch wenn der gesprächspartner einem nicht direkt gegenübersitzt kann er doch dazu beitragen meine meinung zu beeinflussen, und das kann ich ebenfalls (glaub ich zumindest). aber ich bin dabei auch eher gelassen und relaxt. außerdem finde ich feedback äußerst wichtig, sinnvoll und konstruktiv, sonst können wir das web 2.0 auch beerdigen.
Sam K.
03. Dezember 2009
es geht mir auch nicht um feedback. feedback im web ist klar wichtig und sinnvoll, das macht ja auch den reiz des web 2.0 aus. ich meine hier aber eher diskussionen, bei denen es irgendwann längst nicht mehr um das video oder den ursprungsbeitrag geht, der mal kommentiert wurde. und davon gibt es gerade bei youtube hunderte von negativ-beispielen. und da halte ich mich einfach raus, weil es nichts bringt.
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