Über die Chancen von Jugendgemeinden

Statement zur Delegiertenversammlung des Landesjugendwerks Württemberg, 08.05.2010

Ich bin seit 1. März 2010 Bezirksjugendreferent im Evangelischen Jugendwerk Bezirk Leonberg. Ich habe den Arbeitsbereich "Jugendgemeinde" von meinem Vorgänger Cyrill Schwarz übernommen und begleite nun seit gut zwei Monaten unsere Tree Jugendgemeinde in Leonberg. Ich möchte meine ersten Erfahrungen aus Leonberg darstellen und hoffe, dass ich dadurch die Chancen von Jugendgemeinden allgemein deutlich machen kann.

1. Unsere Jugendgemeinde ist flexibel und dynamisch.

Es gibt sehr wenige feste Strukturen, kein eingefahrenen Traditionen oder von oben festgelegte Abläufe. Alles passiert so, wie es den Persönlichkeiten und Ideen der Jugendlichen in der Jugendgemeinde entspricht. Mit dieser Vorgehensweise nehmen wir die Jugendlichen und ihre Bedürfnisse auf psychologischer und geistlicher Ebene nicht nur wahr, sondern auch ernst. Andererseits begegnen wir dadurch den Anforderungen der Postmoderne, in der die heutigen Jugendlichen aufgewachsen sind.

Die Jugendgemeinde kann aufgrund ihrer Flexibilität jede Wochen anders sein und anders handeln. Sie kann - gerade deshalb - auf aktuelle Entwicklungen und Ereignisse in der Jugendkultur und unter den Jugendlichen eingehen. Die gesamte Organisation der Jugendgemeinde ist in offene Bereiche aufgeteilt. Jeder kann überall rein schnuppern, teilnehmen und sich anschliessend gabenorientiert dort einsetzen, wo es ihm oder ihr liegt.

2. Unsere Jugendgemeinde ermöglicht ganzheitliche Partizipation.

Jeder Jugendliche hat bei uns die Möglichkeit mit zu machen und die Gemeinde mit zu gestalten. Es gibt keine Hindernisse oder Hürden zur Mitarbeit oder Mitgestaltung. Die Jugendlichen müssen keine Mitgliedschaft eingehen und keinen Vertrag unterschreiben. (Sie müssen noch nicht einmal Christen sein.) Jeder, der einen Gegenstand von A nach B trägt, gilt bei uns als Mitarbeiter und wird von Anfang an als solcher akzeptiert und wertgeschätzt.

Die Tree Jugendgemeinde bieten Jugendlichen zudem die Chance, ihre eigene Spiritualität in einem selbst gesteckten Rahmen zu erforschen und zu entdecken. Die geistliche Lenkung in der Jugendgemeinde ist minimal und findet nur in kritischen Situationen statt, z.B. wenn sich eine Irrlehre bemerkbar macht. Somit können die Jugendlichen in einer Gemeinschaft mit Gleichaltrigen ihren eigenen Glauben entwickeln. Daneben bleiben wir offen für den Heiligen Geist und sein Wirken.

Durch diese Haltungen ist die Jugendgemeinde offen für Jugendliche aus verschiedenen Milieus und mit unterschiedlichen geistlichen oder sozialen Prägungen.

3. Unsere Jugendgemeinde wird von einem Hauptamtlichen, der nicht der Leiter der Gemeinde ist, professionell begleitet.

Die Jugendlichen haben in unserer Jugendgemeinde die Möglichkeit mit Hilfe einer vollzeitlichen, professionellen Begleitung im theologischen und konzeptionellen Bereich, selber Kirche zu bauen, zu gestalten und zu leiten. Jugendgemeinde wird u.a. dadurch für Jugendliche zu "ihrer" Form von Kirche, zum Teil ihrer Identität und ihrer Geschichte. Sie können hier geistliche Heimat miteinander finden und erleben.

Als Hauptamtlicher nehme ich dabei keine bestimmende Leitungsposition ein. Ich bin Trainer, Coach, Mentor und Freund. Ich gebe Orientierung, wenn die Jugendlichen an theologische Grenzbereiche gelangen und helfe dort aus, wo die Jugendlichen nicht alleine zurecht kommen oder wo ihnen (noch) Kompetenzen fehlen.

An diesen Stellen ist eine hauptamtliche Begleitung aber auch unabdingbar. Aus diesem Grund ist die Hälfte meiner Stelle als Jugendreferent auch der Tree Jugendgemeinde zugeordnet.

4. Unsere Jugendgemeinde arbeitet selbstständig im Auftrag der Landeskirche.

Die Tree Jugendgemeinde ist bewusst ein Arbeitsbereich unseres Evangelischen Jugendwerks Bezirk Leonberg. Sie ist ein Teil des Kirchenbezirks und ein geistlicher Erlebnis- und Erfahrungsraum, in dem Jugendliche selbstständig im Auftrag der Landeskirche das Reich Gottes bauen und fortführen.

Die Jugendgemeinde weiß sich dem reformatorischen Erbe verpflichtet und bringt Jugendliche nicht nur in Berührung, sondern in intensiven und verändernden Kontakt mit evangelischem Glaube. Sie lebt den christlichen Auftrag der Landeskirche, die gute Nachricht der Gnade Gottes in Jesus Christus durch Wort und Tat zu verbreiten. Sie tut das in der Welt, und als Jugendgemeinde im Speziellen in der Welt der heutigen Jugendlichen.

Als Fazit möchte ich zusammenfassend sagen:
Jugendgemeinden sind eine Art und Weise die Kirche von heute für Jugendliche gegenwartsrelevant und zukunftsfähig zu machen. Lassen Sie uns im Evangelischen Jugendwerk in Württemberg diese Chance nutzen, indem wir heute die Resolution zur Föderung von Jugendgemeinden beschliessen. Es ist wichtig, dass wir die Kirchenleitung der Landeskirche auffordern, Möglichkeiten, Räume, Stellen und Ressourcen für Jugendgemeinden freizusetzen, damit Jugendliche dem lebendigen Gott in "ihrer" Kirche begegnen können.

Kommentare

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Martin Strienz
09. Mai 2010

Jo, gut eingedampft die Essenz dargestellt. Das ist wohl ne enorme Herausforderung für strukturierte Systematiker, diese Flexibilität auszuhalten... :-)

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